Wenn man es hat, merkt man das in der Regel beim nächsten Besucher, der durch die Tür tritt. Mindestens ein kurzes Stocken, vielleicht bleibt er auch ganz stehen und lässt sich sogar zu einem „Wow“ hinreißen. Es hat keinen mobiliaren Nutzen, ist oft alt oder unpraktisch. Aber es sorgt für offene Begeisterung oder auch neidisch verspannte Lippen. Ein genaues Wort dafür habe ich auch nach langem Suchen nicht gefunden, es gibt vielleicht auch keines. Aber nennen wir es der Einfachheit halber mal ein Wohnaccessoire.

Mit dem Umzug aus unserer Studentenbude in eine richtige Wohnung hatte ich zum ersten Mal Platz und Möglichkeiten, das Thema Inneneinrichtung anzugehen. Für genau diesen Moment habe ich mir schon vor Jahren auf dem Freitagsmarkt in einem arabischen Lande ein Schwert gekauft. Mit schön gravierter Klinge, mit beschlagener Schwertscheide und stumpf wie eine Bastelschere thront es nun in der freien Fläche über dem Fernseher. Erfolgreich war ich damit allerdings nicht.

Tatsächlich hat das Wohnaccessoire einen Konkurrenten außer Konkurrenz: mein Schlagzeug im Arbeitszimmer. Ein wunderschönes schwarzes Ludwig-Set auf einem in bordeauxfarbenem Teppich eingeschlagenen Podest mit einem Raumteiler in der
gleichen Farbe. Wäre es Absicht gewesen, hätte mir wohl ein Inneneinrichter auf die Schulter geklopft und gratuliert. Die perfekte Inszenierung einesWohnaccessoires.

Ein „schmuckes Stück“ – mal  wörtlich genommen – Foto © Claus Mellenthin

Ein „schmuckes Stück“ – mal wörtlich genommen – Foto © Claus Mellenthin

Damit Designermöbel, Flohmarktschätze oder auch das Erbstück von der Uroma ihre verdiente Beachtung finden, sollten sie auf einem Ehrenplatz stehen. Mit genügend Abstand zum Rest der Einrichtung, mit einem extra Fleck Farbe an der Wand. Oder man arbeitet mit einer ganz anderen Technik. Um mein aktuelles Role Model in Sachen Interieur zu zitieren: „LED unterm Schrank, LED unterm Bett, LED unterm Sofa, leider geil!“ (Zitat: Deichkind, Leider Geil, 2012). Es ist unglaublich, was sich alles mit diesen kleinen bunten Leuchten anstellen lässt. Seitdem ich bei einem Bekannten und Magenta-Verrückten seinen beleuchteten antiken Ohrensessel bewundert habe, sehe ich gerade unser weißes Ledersofa in einem ganz neuen Licht. Als Grundregel kann man sagen: Großes muss alleine stehen, Kleines in Gruppen. Asymmetrie, Stilbruch, Farbe – alles ist erlaubt, um das Prunkstück hervorzuheben.

Nun soll das hier kein Exposé über die Inszenierung von Möbeln, Dekoartikeln oder Kunst werden, darüber haben andere ganze Bände geschrieben. Das Objekt der nachbarlichen Begierde zu finden, das ist die Herausforderung. Interessanterweise findet man eben die echten Hingucker oft nicht bei Leuten mit viel Stil, sondern bei Leuten mit viel Leben. Das, was ein Wohnaccessoire ausmacht, ist eigentlich die Geschichte dahinter. Kaufen kann im Endeffekt jeder, leben und erleben ist da schon eine ganz andere Sache.

Foto © Claus Mellenthin

Foto © Claus Mellenthin

Der Hingucker bei unseren ehemaligen Nachbarn war ein überlebensgroßes Hochzeitsfoto. Und das Schöne war, es hing nicht oben an der Wand, sondern ungefähr auf Hüfthöhe, damit jeder der lachenden Braut in ihre großen blauen Augen sehen konnte. Fotos sind generell etwas Tolles und Wunderbares und werden leider viel zu oft im 10-x-15-cm-Format in ein Album gesperrt. Eine meiner absoluten Lieblingswohnungen besteht eigentlich nur aus einem Flur mit Küche, einem Bad und einer Bibliothek im Bett. Oder umgekehrt, dem Bett in der Bibliothek. In dem Schlaf-/Wohnbereich ist eigentlich gar nichts bis auf das Ikea-Standardbett, aufgebockt auf Bücherregalen. Und an zwei Seiten mit diesen eingerahmt. Absolut spartanisch, aber wenn ich noch mal Single und Student wäre, würde ich es eins zu eins nachbauen.

Fassen wir zusammen: Das richtige Wohnaccessoire ist ein Bestandteil des eigenen Lebens und der eigenen Geschichte. Es ist etwas Persönliches, auf das man so stolz ist, dass man es am liebsten in der Mitte der Wohnung auf dem Ehrenplatz aufstellen möchte.

Ein Artikel von Franziska Herget

Beitragsbild: Foto © Claus Mellenthin