3-D-Raumplaner online, Wandfarben zum Selbstmischen, Tapeten, Bordüren und Wandaufkleber nach eigenem Gusto drucken lassen: Man war noch nie so frei in der Raumgestaltung wie in den letzten Jahren, einfach alles ist möglich. Und dann schaue ich mich um in meinem karmesinroten Traum von Schlafzimmer mit einem edlen Schlafmöbel in Weiß und frage mich, warum ich nicht zur Ruhe komme.

Ja, nicht alles, was in Katalogen, Möbelhäusern und Magazinen gut aussieht, ist auch wirklich für das Alltagsleben geeignet. Farben beeinflussen uns mehr, als wir vielleicht wahrhaben wollen. Ganze Abteilungen im Einzelhandel, in der Systemgastronomie und der Werbeindustrie befassen sich nur mit den Gefühlen und Reaktionen, die wir im Hinblick auf Farben haben. Warum wohl hält das Restaurant zur goldenen Schwalbe seine Inneneinrichtung in appetitanregenden Rot- und Orangetönen? Warum fällt im Supermarkt, wenn ich von den Gewürzen und Tütensuppen zu den Putzmitteln schlendere, die Temperatur vor lauter Frische um gefühlte 5 Grad? Eigentlich weiß man das und trotzdem vergesse auch ich die Wechselwirkungen der Farben, sobald ich leuchtende Brombeere, kühles Eisblau oder Sonnengelb in den Regalen beim Baumarkt stehen sehe.

Nach dem Schlafzimmerfiasko suche ich Rat bei Wohnraumberaterin Ute Rebmann aus dem Raum Stuttgart. Hier erfahre ich, dass sich Farben in drei grobe Gruppen einteilen lassen. Animierende Farben wie Rot, Orange und Gelb wirken aktivierend und belebend, zudem warm, appetit- und gesprächsanregend. So viel zu Karmesin im Schlafzimmer. Der gelbe Hausflur ist übrigens ein typisch deutsches Phänomen – und keiner weiß, warum. Blau- und Grüntöne beruhigen und erfrischen. Und dann gibt es noch die neutralen, sogenannten Nicht-Farben wie Braun, Beige und Grau. Durch den gezielten Einsatz von hellen oder dunklen Tönen lassen sich Räume optisch vergrößern bzw. verkleinern. Das typische Beispiel dafür sind kleine Küchen und Badezimmer, die gerne durch helle,schöne Farben und große Fliesen vollkommen in der Raumwirkung verändert werden.

Jeder Menschentyp reagiert anders auf Farben, deshalb sollte man alle Mitbewohner einbeziehen, wenn es um ein angenehmes Wohnklima geht. „Basis eines Raumes sollten immer Nicht-Farben sein, sie schaffen ein ruhiges und natürliches Wohlgefühl“, lautet Ute Rebmanns Tipp. Zu viele kräftige Farben hingegen wirken schnell erdrückend und belasten besonders unruhige und aufgedrehte Menschen. Auf reines Rot sollte man zum Beispiel im Zimmer eines sehr aktiven Kindes verzichten – um zu verhindern, dass das Kind buchstäblich die Wände hochgeht –, hier greift man eher zu Pastelltönen. Dagegen lässt sich ein eher ruhiges Kind meist gut mit Orangetönen anregen. In amerikanischen Haftanstalten beruhigt man sich übrigens dank eines speziellen Rosa-Farbtons mittlerweile wesentlich schneller.

Farb- und Lichtakzente sorgen für Atmosphäre – Foto © Rainer Sturm / Pixelio.de

Farb- und Lichtakzente sorgen für Atmosphäre – Foto © Rainer Sturm / Pixelio.de

Für sein Schlafzimmer sollte man kühlere Töne wählen wie helles Blau und Grün, die einen zur Ruhe kommen lassen. Beim Badezimmer kommt es auf den Typ an, viele setzen auf blaue Akzente, das bringt Frische ins Bad. Als jemand, der leicht friert, finde ich persönlich allerdings sandige, wärmende Töne in diesem Bereich ansprechender. Was immer passt, sind Rot- und Orangetöne für den Essbereich. In Arbeitsräumen sollte man komplett auf Naturfarben zurückgreifen, höchstens ein paar kleinere, dezente Farbtupfer sollten es sein. Alles andere wirkt schnell ablenkend und daher störend.

Egal, wofür man sich entscheidet: Wenn es um starke Farbwechsel beim Renovieren geht, sollte man die gewünschte Farbe erst einmal testen. Einfach geht dies, indem man für einige Tage den Raum mit Dekoartikeln in der gewünschten Farbe überlädt – vielleicht auch eine Wand mit farbigem Stoff abhängt. Fühlt man sich nach mehreren Tagen noch (beziehungsweise wieder) wohl, dann ist es die richtige Farbe. Meine persönliche Empfehlung ist, bei geplanten größeren Umgestaltungen einen Wohnberater hinzuzuziehen – oder ein paar farbfeste Freunde. Bei den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Farben, Formen und Materialien kann mit einem geübten Blick und Erfahrung schnell ein für die persönlichen Bedürfnisse abgestimmtes Wohnkonzept zusammengestellt werden. Inzwischen habe ich mich für ein leichtes Aquamarin entschieden – und schlafe um einiges besser.

Ein Artikel von Franziska Herget

Info-Tipp:
Wer tiefer in das Thema Farbgestaltung in Wohnräumen einsteigen will: Hier lohnt sich der Griff zum Buch „Entspannt wohnen mit den richtigen Farben“ der Textildesignerin Alice Buckley. Sie erläutert darin alle Facetten der Farbgestaltung und bietet viele inspirierende Ideen mit 200 Vorschlägen für harmonische Farbkompositionen. ISBN: 3572080185

Beitragsbild: Farben im Schlafzimmer– Foto © Pariah083 / pixelio.de