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Outfit von Fidan Kapdi - Foto © Janina Möhrle

Outfit von Fidan Kapdi – Foto © Janina Möhrle

„Dresscodes sterben aus“, sagt Sabine Langer. Die Modeexpertin beobachtet, wie sich die Arbeitswelt von strikten Vorgaben selbst ernannter Style-Berater abwendet. „Sogar in konservativen Branchen brechen langsam die Dämme“, weiß die Fachfrau. Auslöser des Wandels sind unter anderem unabhängige Modeblogs, die Trends transportieren und kommentieren.

Dressvokabeln wie „Business Casual“, das für lockere, aber elegante Kleidung steht, und „Day Informal“, das dunkle Kostüm für Geschäftsreisen, verlieren zusehends an Bedeutung. Sogar in Führungsetagen wenden sich Manager vom Einheitslook ab. „Chefs wollen etwa im Vertrieb starke, individuelle Persönlichkeiten, keine uniformierten“, meint Langer. Einheitskleidung trügen nur Postboten oder Piloten, so die Erklärung der Stuttgarterin.

Einer, der den neuen Look im Management pflegt, ist Norbert von Lonski. Der Geschäftsführer des Duisburger Modelabels Biba, das zur Gelsenkirchener Gelco-Gruppe gehört, ist rund 150 Tage im Jahr auf Geschäftsreise. Wer von Dubai bis Vancouver die länderspezifischen Kleiderordnungen kennen will, lädt sich unnötig Ballast auf, verdeutlicht der Vertriebschef. Entscheidend sei für Menschen, die rund um den Globus Geschäfte machen, dass sie authentisch rüberkommen. Von Lonski selbst trägt selten Anzug, der ist ihm zu staubig. Stattdessen lieber gut sitzende Hemden mit Edeljeans und von Hand gefertigte Schuhe.

Frühlings- und Sommeroutfit leger mit Hut - Foto © Janina Möhrle

Frühlings- und Sommeroutfit leger mit Hut – Foto © Janina Möhrle

Für Langer, die bundesweit Modelabels bei der Markteinführung ihrer neuen Kollektionen begleitet, zeichnet sich ein eindeutiger Trend ab. Multimedia, Globalisierung und mobile Kommunikation nehmen Einfluss auf die klassische Kleiderordnung. Nicht nur auf der Straße, sondern auch im Büro. „Bei Videokonferenzen oder Skype-Schaltungen sehen wir heute in Echtzeit, was Leute in Japan, Johannesburg oder Jena tragen“, erklärt die 43-Jährige und erläutert, dass die bisherigen Regeln aufweichen. Grund dafür seien auch Internetblogs. Fotografen oder freie Journalisten übernähmen in ihnen die Orientierungshilfe, die bisher Fashion-Zeitschriften für sich alleine beansprucht hätten. Einer der erfolgreichsten Fotoblogger ist Gunnar Hämmerle (www.styleclicker.net). Seine Bilder schafften es bis ins Museum. Im Düsseldorfer NRW-Forum waren 1 000 seiner Modeschnappschüsse zu sehen.

„Die Community kritisiert einerseits die Entwürfe renommierter Designer und lobt kleine Labels in den Himmel“, verdeutlicht Langer. Andererseits würden wie bei Hämmerle in den Blogs Aufnahmen von Leuten auf der Straße gezeigt, die sich ihre eigene Mode machen und damit wahrhaftig kleiden: „Nicht immer geschmackvoll“, wie Langer findet, „dafür aber umso prägender.“ Die Welle aus dem Netz schwappt unvermeidlich in die Arbeitswelt hinüber. Galten vor Kurzem noch Kostüm und Anzug in gedeckten Tönen in Managementkreisen als Muss, so ist von Mitarbeitern einzelner Modemarken hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass sich Verkaufszahlen für farbenfrohe Business-Outfits stetig erhöhen. Und da die Kollektionen mittlerweile im sechswöchigen Rhythmus wechseln – Vier-Jahreszeiten-Mode gehört nicht erst seit dem offiziellen Ende der Schlussverkäufe der Vergangenheit an – beschleunigt die schnellere Taktzahl auch den Wandel im Trageverhalten. Längst kombinieren Großstädterinnen leichte Sommerkleider mit Stulpen und Winterboots oder die Männer schlingen sich an heißen Tagen Schals um den Hals und setzen Wollmützchen auf. Unvermeidlich hält somit in klimatisierten Bürowelten ein Stil- und Materialmix Einzug.

 

Unterrock als Stylingelement - Foto © Franziska Herget

Unterrock als Stylingelement – Foto © Franziska Herget

„Die wichtigste Styling-Regel ist, dass es keine Regeln mehr gibt“, bringt Langer es auf den Punkt. Anschaulich ist das in Hämmerles Blog nachzuvollziehen. Dort ist etwa auf der Birger Jarlsgatan in Stockholm ein Büroarbeiter zu sehen. Er trägt ein weiß-graues T-Shirt mit breiten Querstreifen. Darüber ein Sakko in einem hellblau-grauen Farbton. Seine Beine umschließen eine schwarze Jeans – alles sitzt eng und wirkt sehr modern. An den Füßen hat der Mann hellbraune Stiefeletten. Seine dazu passende Aktentasche hält er lässig in die Kamera. Der Clou ist aber ein schwarzer Hut mit Rand, den er frech in den Nacken geschoben hat.

So ein Outfit ist in deutschen Großraumbüros undenkbar? „Weit gefehlt“, meint Norbert von Lonski. Egal ob Broker oder Bauingenieur, die junge Generation der unter Dreißigjährigen will sich bewusst von den Älteren abgrenzen. „Die Trends gehen eindeutig Richtung individuelle Mode und eigenem Auftritt“, meint der 47-jährige Betriebswirt, der als selbstständiger Unternehmensberater arbeitete und Einblick in etliche Büros und Branchen hatte. Selbst bei der als bodenständig geltenden Sparda-Bank sieht man die klassische Kleiderordnung mit Schlips und Anzug um jeden Preis mit Skepsis. „In unseren 42 Filialen besteht keine Anzugpflicht“, sagt Arnd Schillinger. Der Personalchef will dem Thema Modetrends zwar keine so große Bedeutung beimessen, gleichwohl bestätigt er, „unsere Leute sollen mit den Kunden auf Augenhöhe sprechen“ – ein überadretter Banker mit Seidenkrawatte und Einstecktuch wäre sicher nicht in jedem Fall passend gekleidet.

Doch was bedeutet das „Sterben der Dresscodes“? „Wer Karriere machen will, muss Eigenmarketing betreiben“, sagt Langer. Sich von der amorphen Masse der Kollegen angenehm abheben. Seinen eigenen Stil finden. Wer einen Einheitsanzug trägt,
kommuniziert, dass er mit dem Strom schwimmt, einen gemütlichen Job sucht und es sich bequem einrichtet. „Doch Chefs wollen heute Mitarbeiter, die unternehmerisch denken und handeln“, bestätigt von Lonski. Und das spiegle sich eben auch in der Kleidung wider. Einen Tipp hat Modeexpertin Langer: „Kleiden Sie sich nicht für den Job, den Sie machen, sondern für den Job, den Sie wollen.“

Ein Artikel von Michael Sudahl

Beitragsbild: LF MG 6682