Sandra S. ist aufgeregt. Nach ihrer Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin ist sie einen Schritt auf der Karriereleiter emporgestiegen. Die 27-Jährige hat die Firma gewechselt und heute ist ihr erster Arbeitstag bei einem großen Handelsunternehmen. Zwar überwiegt bei der gelernten Industriekauffrau die Freude auf die neue Stelle, aber beim ersten Auftritt am neuen Arbeitsplatz gilt es, Fettnäpfchen zu umschiffen, wie Karriere-Expertin Simone Stargardt weiß. Die 32-jährige Geschäftsführerin der Stuttgarter Privatakademie carriere & more führt Business-Knigge-Workshops durch und kennt die Fallstricke beim Jobstart.

„Es sind oft Kleinigkeiten, die einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen“, erklärt die Betriebswirtin, die früher bei einem Lebensmitteldiscounter arbeitete und Schulungen speziell für die Einzelhandelsbranche anbietet. Stargardt empfiehlt vor allem jungen Berufsstartern, sich auf die gute Kinderstube zu besinnen. Wer unpünktlich, übermüdet oder ungepflegt erscheint, hätte bereits beim ersten Kontakt mit Chefs und Kollegen einen dicken Malus, der später nur schwer wieder gutzumachen sei. Tappen Jüngere gerne in die Lässigkeitsfalle oder geben sich zu schüchtern mit „Hallo, ich bin die Neue, haha …“ – so erwischen ältere Jobwechsler den falschen Ton, indem sie zu selbstbewusst auftreten und signalisieren, dass sie alles kennen, alles schon mal gemacht haben und keiner ihnen etwas vormachen kann.

Trotzdem sei eine forsche Begrüßung besser als gar keine, meint Stargardt. „Den dicksten Bock schießt der ab, der nicht grüßt, wenn er seinen neuen Kollegen vorgestellt wird“, verdeutlicht die Trainerin. Um allerdings gleich davor zu warnen, nicht jedem Arbeiter oder Anzugträger beim ersten Betriebsrundgang die Hand hinzustrecken. Das käme zu aufdringlich an, so die Personalexpertin.

Ebenso gilt es, mit Vorsicht herauszufinden, wie in der neuen Firma die persönliche Ansprache ist. Auch wenn sich alle Kollegen untereinander duzen, rät Stargardt zum formalen „Sie“ – zumindest so lange, bis der Hinweis kommt, dass sich alle mit „Du“ anreden. Für Sandra S. sind diese Hürden kein Problem. Allerdings beobachtet die Jobwechslerin bei der Vorstellungsrunde mit anderen Kollegen, die ebenfalls im Unternehmen starten, dass nicht alle richtig zuhören, als die Personalchefin Infos zum privaten Surfen im Internet gibt. Das Handelsunternehmen gestattet seinen Mitarbeitern zwar, während der Arbeitszeit im Netz unterwegs zu sein, Seiten wie Ebay oder Facebook hat es allerdings gesperrt.

Als ein Teilnehmer am Ende des Vortrags der Personalfrau nachfragt, ob denn der Zugriff auf soziale Netzwerke wie Facebook erlaubt sei, merkt Sandra S. an der genervten Reaktion ihrer Vorgesetzten, dass der Neue soeben Kredit verspielt hat, weil er nicht aktiv zuhört.

Stargardt nennt noch andere Fettnapffälle. Etwa, dumme Fragen zu stellen. „Wie lange dauerts denn heute?“, „Wann habe ich frei?“, „Wann habe ich Urlaub?“ oder „Wann wird mein Gehalt eigentlich überwiesen?“ seien Fragen, die kein Chef gerne am ersten Arbeitstag hört.

Der perfekte Einstand gelinge hingegen, wenn neue Mitarbeiter freundlich lächelnd und offen auf ihre Kollegen zugehen und sich aktiv vorstellen – ohne die Hand hinzustrecken. „Erst, wenn einem diese vom Gegenüber gereicht wird, darf man zugreifen und schütteln“, sagt Stargardt mit einem Augenzwinkern.

Wer in den ersten Gesprächen gut ankommen will, sollte zudem Interesse am Arbeitsgebiet der Kollegen zeigen, indem er aufgeweckt viele offene Fragen stellt. Geht es dann an den eigenen Arbeitsplatz, sollten Neue engagiert zu Werke gehen, zeigen, dass ihnen das Umfeld und die Arbeit gefallen, und Hilfsbereitschaft signalisieren.

Grundsätzlich gilt bei Geschäftsterminen, also auch am ersten Arbeitstag, Pünktlichkeit. „In Deutschland bedeutet das, 15 Minuten vorher da zu sein“, sagt die carriere-&-more-Chefin. Bei internen Meetings reichen allerdings fünf Minuten aus.

Sandra S. hat wie die meisten ihrer Kollegen ihren ersten Arbeitstag gut überstanden. Rundgang, Einführungsrunde und der Empfang aller Arbeitsunterlagen ging glatt. Ihre freundliche Art kam bei Chefs und Kollegen gut an. Dass die brünette Frau ihre Haare hochgesteckt trug und das Make-up dezent war, beurteilt Stargardt als gute Wahl. „Beim Start etwas zurückhaltender beim Styling zu sein, ist der richtige Weg“, erklärt die Business-Trainerin. Je nachdem, was Kollegen tragen und wie die Firmenkultur ist, könne später die Kleidung verändert werden. Genauso verhält es sich mit Piercings und Tattoos. „Bei kreativen Berufen oder im Handwerk ist das Tragen und Zeigen von Körperschmuck oft unproblematischer als in einer Bank“, erläutert die Expertin.

Michael Sudahl

Beitragsbild: Simone Stargardt bei der Präsentation © Simone Stargardt