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Jetzt waren wir gerade sicher, dass sie vorbei ist, schon ist sie wieder da, die Vintage-Welle. In den letzten Jahren kam dieser Trend zum Alten, Gebrauchten immer wieder zum Vorschein. Aber wieso diese Sehnsucht nach Relikten aus vergangenen Tagen in unserer modernen Welt?

Nun, zunächst einmal ein bisschen Wortkunde: Relativ eindeutig ist der „Shabby Chic“, der Begriff leitet sich von dem Wort „shabby“ wie schäbig ab. Hier setzt man gezielt auf abgenutzt wirkende, in Pastell- und Naturtönen gehaltene Einrichtungsgegenstände. Abgeplatzter Lack und scheinbar unbearbeitetes Holz sind typische Eigenschaften.

Der wohl am häufigsten fallende Begriff „Vintage“ kommt aus dem Englischen und bezeichnet eigentlich einen besonders guten Jahrgang eines Weines. Er gilt aber auch als Synonym für etwas Altes, Wertiges. In der Modewelt bezieht sich „Vintage“ hauptsächlich auf Originalkleidung aus den 1930ern bis 1960ern. Vintage-Möbel sind ebenfalls Originale, lassen sich allerdings zeitlich nicht so genau einordnen.

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Foto © MARCUS GOTTWALD / PIXELIO.DE

Dementgegen steht das Wort „Retro“, das eigentlich einen wiederkehrenden Trend beschreibt. Es handelt sich also nicht um etwas Altes, sondern um etwas Neues, das einen alten (Lebens-)Stil beschreibt. Typisches Beispiel hierfür sind die großen Hornbrillen, die viele vor ein paar Monaten noch getragen haben.

Da sich die Begriffe „Retro“ und „Vintage“ inzwischen zu Modewörtern gemausert haben, werden sie immer weiter zweckentfremdet und miteinander vermengt. Oft wird versucht, etwas als Vintage zu verkaufen, was einfach nur alt ist. Oder schlimmer, einfach nur alt aussieht.

Worin besteht denn jetzt allerdings dieser Hype?

Nun, zum einen ist ein alter Gegenstand von Natur aus begrenzt. Er wird nicht mehr hergestellt und die Anzahl an Einzelstücken wird von Jahr zu Jahr weniger. Das gilt für Oldtimer wie für Standuhren. Ein originales Vintage-Kleid ist etwas nahezu Einmaliges, bei dem man nicht befürchten muss, dass es einem in der S-Bahn gleich dreimal über den Weg läuft. Wer den wirklich individuellen Look sucht, der wird sich mit einem Stück aus Massenproduktion nicht abgeben können.

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Foto © RAINER STURM / PIXELIO.DE

Dann ist da noch der klassische Jagdinstinkt. Im Convenience-Modeladen nebenan stehen die Klamotten in allen Größen zur Verfügung. Ein Griff in das Regal, bezahlen, fertig. Was nicht da ist, kann man von unterwegs per App einkaufen und schon morgen steht es vor der Tür. Möbel unterliegen den gleichen Trends, sind normiert und austauschbar. Antike Einzelstücke hingegen muss man suchen, auf Flohmärkten, in Secondhandshops und Antiquitätenläden, auch mal auf Omas Dachboden. Man braucht ein Auge für Wertigkeit und für die hinterste Ecke des Kartons, in der noch ein kleines Schmuckstück versteckt sein könnte. Und dann gehört noch eine ordentliche Portion Glück dazu. Es muss passen, es muss erhalten sein, es muss im Budget liegen. Viele einzelne Faktoren, die den späteren Kauf zu einer Trophäe werden lassen.

Gerade beim Stichwort Flohmarkt springt einem ein weiterer Pluspunkt unmittelbar ins Auge: der Preis. Wenn man nicht gerade in einem hippen Vintage-Shop an der Touristenpromenade einkauft, sind gebrauchte Kleidung und Möbel einfach unschlagbar günstig. Verkauft wird eigentlich immer nur das, was kaum benutzt wird. Mit etwas Glück kommt man so an Schnäppchen, die kaum getragen wurden oder jahrelang ungenutzt im Lagerraum standen.

Stichwort „geplante Obsoleszenz“ – der Begriff Qualität war vor ein paar Jahr(zehnt)en einfach ein anderer. Es zählten eine saubere und stabile Verarbeitung, möglichst wenig Einzelteile und wo möglich wurde auf Kunststoff zugunsten robusterer Materialien verzichtet. Es gibt Waschmaschinen, die laufen fast schon länger, als ihre Besitzer alt sind, und sind dennoch immer wieder mit einfachsten Mitteln zu reparieren. Und noch gibt es keine Digitalkamera, die es mit der Auflösung einer guten, alten analogen Spiegelreflex aufnehmen kann.

Nicht zuletzt hängen an jedem alten Stück auch viele Erinnerungen. Es sind nicht unbedingt die eigenen, aber wie eine Patina haben sich Erlebnisse und Erfahrungen auf Gegenstände abgelegt, die wir vielleicht nicht wirklich verstehen, aber auf jeden Fall spüren können.

Beitragsbild: 692372 Original R K B By Rainer Sturm Pixelio.de