Im heutigen Zeitalter sind Macken, Fehler und Unzulänglichkeiten nichts, mit dem man „leben muss“. Warum etwas pflegen, wenn man in Zeiten von 1-Euro-Shops alles so schnell und kostengünstig ersetzen kann?

Die Wegwerfmentalität bezieht sich aber nicht nur auf Gegenstände. Sie trifft in immer höherem Maße auch auf Lebewesen und Menschen zu. Das beginnt mit den auffallend vielen Welpen auf bekannten Kleinanzeigen-Portalen, die im Alter von 3 Monaten „wegen Zeitmangel in liebevolle Hände“ und zum Einkaufspreis abgegeben werden sollen. Enden tut es mit einer immer höheren Fluktuationsrate in Beziehungen, Freundschaften und Partnerschaften. Geplante Obsoleszenz findet sich mittlerweile in allen Bereichen des Lebens wieder.

Im traditionellen Japan gibt es eine wunderbare Kunst, die des Kintsugi oder des Kintsukuroi. Zerbricht ein wertgeschätztes Stück Porzellan, wird es nicht etwa weggeworfen. Nein, es wird mit Urushi-Lack, der mit feinstem Pulvergold versetzt ist, wieder kunstvoll zusammengefügt. Diese Kunstform versteckt die Schäden im Porzellan nicht, sondern hebt sie hervor. Das Zerbrechen wird zum Zeichen der Individualität, der Akt des Reparierens wird zelebriert und zeigt die Wertschätzung dieser Keramik auf. Bruch und Reparatur sind nicht mehr das Ende eines Stücks, sondern werden Teil seiner Geschichte.

Auch mit dem Tacker lassen sich kreative Ideen umsetzen – Foto: Wikipedia

Auch mit dem Tacker lassen sich kreative Ideen umsetzen – Foto: Wikipedia

Das Kintsugi ist eine Kunstform, die oft auch auf den Menschen übertragen wird. Schwere Zeiten führen oft dazu, dass das Selbstbewusstsein Risse bekommt, zerbricht und auseinanderfällt. Das Einfachste ist natürlich, die Scherben unter den Teppich zu kehren und mit etwas Neuem anzufangen. Wenn man aber stattdessen die Scherben nimmt, sich die Mühe macht, alles wieder zusammenzusetzen, und sich mit seinen Splittern auseinandersetzt, dann erhält man diesen wichtigen Teil seiner Vergangenheit. Dann hat man einen Beweis dafür, was überstanden wurde. Das Ziel ist es, nicht wieder perfekt zu werden, sondern Frieden zu finden mit sich selbst.

Beitragsbild: Keramikherz repariert im Kintsugi-Stil – Foto: Franziska Herget