„Wo laufen Sie denn?“ Auf Loriots Klassikerfrage, entliehen von seinem legendären  Pferderennen-Sketch, mag mancher genervt antworten: „Überall“. An Sommerabenden im Stadtpark, frühmorgens mit dem Hund oder einem Racing-Kinderwagen am Waldrand und in der Mittagspause im Altstadtviertel – Läufer in engen Trikots strömen aller Orten aus. Denn: Laufen ist en vogue. Wer die Dreißig überschritten hat und merkt, dass Schreibtischarbeit dem Rücken nicht zuträglich ist, geht laufen. Wer feststellt, dass sein Hüftengold nicht mehr von alleine schmilzt, geht laufen.

Wer Jobfrust abbauen muss und nicht Kollegen oder Lebenspartner anschreien will, geht laufen. So scheint es. In Lauftreffs, organisiert von Krankenkassen (!) oder Betriebssportgruppen, rennen Erwachsene kilometerweise über Stock, Stein und Kopfsteinpflaster. Nicht selten endet der plötzliche Sportwahn mit dickem Knöchel oder geschädigtem Knieknorpel. Obwohl eine ganze Industrie bunt leuchtende Spezialtreter entwickelt hat, die den idealen Abrollprozess des Fußes unterstützen (sollen). Doch das Schlimmste ist: Läufer laufen alleine. Ohne Körperkontakt zu ihren Mitmenschen. Sie spulen Kilometer für Kilometer herunter, ohne etwas anderes zu spüren als den Wind, der ihnen entgegenbläst. Wie langweilig! Wie schade! Dabei kann Bewegung so viel mehr Spaß machen. Wenn sie drinnen stattfindet. Und Musik dazu läuft. Ich rede vom Tanzen. Zu zweit. Als Paar. Salsa! Ha, wird mancher Rennsportfreund denken, das ist doch kein Sport. Ein bisschen die Damen durch den Saal schieben, dabei komme ich ja nicht mal ins Schwitzen. Falsch gedacht, lieber Freund, kann ich dazu nur sagen.

Tanzschuhe für Salsa © Rike Kopie

Tanzschuhe für Salsa © Rike Kopie

Wer einmal eine Salsa-Trainingsstunde erlebt hat, weiß, wovon ich rede. Tropfnass ist mein Shirt nach 60 Minuten. Und neben dem Körper ist auch noch das Hirn gefragt. Timing und Technik sind Grundlagen, wenn zu den Taktschlägen auf eins, zwei, drei – fünf, sechs, sieben über das Parkett gefegt wird. Und das Beste: Männer, beim Salsa herrscht kontinuierlich Jungensmangel! Ich garantiere: Das beim Laufen erst nach Kilometern Quälerei freigesetzte Glückshormon Endorphin schüttet der Körper beim Tanzen nach Minuten aus. Vorsicht, Suchtgefahr! Und übrigens: Den beim Laufen zu überwindenden inneren Schweinehund gibt’s beim Tanzen nicht. Statt mit Frust beginnen Tänzer mit guter Laune – vom ersten Ton an. Loriot, da bin ich mir sicher, würde es gefallen. In diesem Sinne: „Hildegard, sagen Sie jetzt nichts – tanzen Sie mit mir!“

Michael Sudahl

Beitragsbild: Laufen ist en vouge. © Miriam Hofmann / Pixelio