Bereits heute schauen wir im Cockpit auf verschiedene Leuchtsegmente und checken Informationen vom Navi bis hin zu Fahrerassistenzsystemen. Und morgen? Künftig soll das Auto über seine bisherigen autonomen Fähigkeiten wie ABS oder ESP hinaus noch viel mehr mobile Helfer und Funktionen erhalten. Doch dazu muss es lernen, mit anderen Fahrzeugen und seiner Infrastruktur zu kommunizieren – über Internet oder WLAN mit anderen Verkehrsteilnehmern. Für einen besseren Verkehrsfluss, für mehr Sicherheit und für ein Plus an Unterhaltung und Information, auf Neudeutsch: Infotainment.

Während das Internet durch Smartphones unterwegs für viele selbstverständlich geworden ist, wird das World Wide Web erst demnächst auto-mobil. Darin liegt ein riesiges Potenzial für Automobilhersteller, Dienstleister und für die Passagiere. Die technische Voraussetzung für solch eine Vernetzung und Datenübermittlung ist eine schnelle mobile Internetverbindung. LTE (Long Term Evolution) soll das aktuelle UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) bis 2015 mit einer Vervielfachung der Datenraten flächendeckend ablösen. HD-Video-Streaming, Musikdownloads, Apps und Office-Funktionen sollen dann selbst bei schneller Fahrt flüssig vonstatten gehen.

Intelligente Warnsysteme – Foto © Bosch

Intelligente Warnsysteme – Foto © Bosch

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger soll das vernetzte Auto 2025 Standard sein. Vor allem jüngere Passagiere möchten auf ihre gewohnte Verbindung zu virtuellen Lebenswelten wie Facebook & Co. auch im Auto nicht mehr verzichten. „Mit Autos, die die Smartphones der Kunden nicht integrieren, kann man bald gar kein Geld mehr verdienen, vor allem nicht bei jungen Kunden”, schätzt Daimler-Vorstandschef Dr. Dieter Zetsche. Im ersten Evolutionsschritt dürften oft Smartphones als Schnittstelle dienen. Die Verbindung zum Internet wird ansonsten über fahrzeugeigene Sende- und Empfangseinheiten hergestellt. Viele Daten dürften dabei in einer Datenwolke, der Cloud, stets abrufbereit stehen. Da die Produkt- und Entwicklungszyklen in Auto- und IT-Industrie unterschiedlich verlaufen, könnte überdies die fahrzeuginterne Software über das Internet automatisch aktualisiert werden, ohne dass man sich gleich ein neues Auto kaufen muss.

Deutschland ist mit Marken wie Audi, BMW, Mercedes oder VW und potenten Zulieferern wie Bosch oder Continental gut positioniert. Die Industrie hat sich außerdem mit Forschungseinrichtungen zusammengetan und betreibt herstellerübergreifend praxisnahe Versuchsprojekte. BMW engagiert sich zum Beispiel in simTD (Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland). Hier wird an einem Querverkehrsassistenten getüftelt, der die Daten anderer Verkehrsteilnehmer im Kreuzungsbereich erfasst, mit anderen Verkehrsteilnehmern kommuniziert und so eventuelle Gefahrensituationen entschärfen kann. Audi treibt mit Audi connect diverse Entwicklungen voran, darunter die Implantierung von Google Earth und bis 2020 sogar autonomes Fahren. Und das Fraunhofer-Institut ESK in München hat ein sogenanntes C2X-System entwickelt, das mit einem WLAN-System in Kombination mit dem vom Navi bekannten GPS (Global Positioning System) arbeitet. So können Position und Sensordaten des Autos über Geschwindigkeit, Beschleunigung oder eventuelles Rutschen an drahtlose Kommunikationsknoten am Straßenrand gemeldet werden. Diese Infos erhalten dann nachfolgende Fahrzeuge, die sich so auf die Straßenverhältnisse einstellen können. Auch Informationen über Ampelphasen lassen sich so austauschen und die Geschwindigkeit beim Heranfahren entsprechend anpassen. Erste Ergebnisse des europäischen Feldversuchs für Fahrerassistenzsysteme gab es bereits bei der Geschwindigkeitskontrolle ACC, mit der sich laut Fachmagazin CarIT der Kraftstoffverbrauch um sieben Prozent senken und die Durchschnittsgeschwindigkeit immerhin um 3 km/h steigern lässt.

Mercedes-Benz Presents "DICE" Concept- Dynamic & Intelligent Customer Experience - "The Evolution of Telematics" – Foto © Daimler

Mercedes-Benz Presents „DICE“ Concept- Dynamic & Intelligent Customer Experience – „The Evolution of Telematics“ – Foto © Daimler

Komfort und Service verheißen dagegen Apps und Dienstleistungen, die Passagieren zum Beispiel nahe liegende interessante Locations wie Restaurants, Sonderangebote oder Infos aus sozialen Netzwerken übermitteln. Ungezügelten drahtlosen Smalltalk zwischen Autos halten manche Wissenschaftler jedoch aus Datenschutzgründen für bedenklich. Schließlich soll die Privatsphäre ja auch mobil geschützt sein. Die Bedienung solch fleißiger Helfer stellt eine Herausforderung dar. Die Schnittstelle bleibt dabei nach wie vor der Fahrer. Nach dem Willen der Hersteller sollen neben Touchscreens auch vermehrt Sprache sowie Gesten und Bewegungen zur Steuerung dienen. Zudem soll die Effizienz von Head-up-Displays verbessert werden, die Infos im Blickfeld des Fahrers auf die Windschutzscheibe projizieren.

Das vernetzte Auto stellt sich aber auch den Anforderungen einer sich ändernden Mobilität: Weltweit soll der Automobilbestand von 1 auf 4 Mrd. im Jahr 2050 steigen, gerade die urbanen Lebensräume wachsen stetig – ohne Vernetzung werden intelligente Verkehrsmanagementsysteme kaum möglich sein. Das gilt auch für neue Mobilitätsformen wie Carsharing oder alternative Antriebsformen wie die Elektromobilität. Hier könnte der Batterieladestatus online überprüft werden, während das Navi zur nächstgelegenen E-Tankstelle lotst und das Smartphone den Lade- und Bezahlvorgang managt. Noch sieht es in Sachen E-Auto trotz vollmundiger Ankündigungen eher zögerlich aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Artikel von Claus Dick

Beitragsbild: Mercedes-Benz Presents "DICE" Concept- Dynamic & Intelligent Customer Experience - "The Evolution of Telematics" – Foto © Daimler